menu

Alt werden – nix für Feiglinge

von Silke Barthel am 09.09.2019

„Mit dem Altwerden ist es wie mit Auf‐einen‐Berg‐Steigen: Je höher man steigt, desto mehr schwinden die Kräfte ‐ aber umso weiter sieht man.“

Dieses schöne Zitat von Ingmar Bergmann hat die wunderbare Desirée auf Instagram gepostet (desiree_madeleine_yoga) und zusammen mit den liebevollen Reaktionen auf meinen Post zu den Themen Wechseljahre, Angst und Selbstoptimierung, möchte ich etwas zum Alltag in der Lebensmitte (oder kurz danach ;)) schreiben.

Altwerden ist wie Bergsteigen

Warum Wechseljahre? Schlicht und einfach, weil ich drin stecke und es mir total auf den Keks geht, dass wir Menschen in der Lebensmitte ganz cool so tun müssen als ob wir alles im Griff hätten, uns schon super selbst reflektierten, körperlich topfit seien und das Leben gelassen meisterten. Mmmmmh, klar. Während die Hormone Achterbahn fahren. Pubertierende sind auch nicht zurechnungsfähig in dem Zustand.

Und ich auch nicht, wenn die Achterbahnfahrt mal wieder losgeht. Ja, ich bin sehr dankbar, dass ich ein heute vielleicht doch etwas besonnener reagiere als in der Pubertät. Aber ehrlich: in mir tobt mitunter echt das Chaos. Hormonell. Körperlich. Emotional. Und ich habe keine Lust, dann so zu tun als sei nix. Was im Übrigen die Symptome nur verschlimmert. Also ist „the heat is on“ mein Hinweis bei meinen Liebsten, dass da gerade wieder etwas in mir verbrennt, was ich nicht mehr brauche (danke für die Metapher, liebe Silja von www.gluecksplanet.com). Und sich dem Mann heulend in die Arme werfen, wenn das erwachsene Kind wieder auf dem Heimweg ist, ist eindeutig erleichternder als mir das Gefühl nicht einzugestehen. Natürlich weiß mein Kopf, dass das alles richtig so ist und auch, dass wir auf Dauer niemals wieder zusammen leben könnten (und wollten). Aber fühlt sich trotzdem an als würde die Nabelschnur nochmal durchgeschnitten. Und das Gefühl kann ich ja nicht wegreden.

Neben den Hitzewallungen und den Achterbahnfahrten empfinde ich aber auch viel Positives. Mit dem Abschied vom Kind eröffnen sich Freiheiten, an die ich mich sehr schnell wieder gewöhnt habe. Und im Urlaub (außerhalb der Ferien!), wo viele Kleinkinder unterwegs waren, das schöne Gefühl, dass das Thema durch ist. (Achtung, Achterbahnfahrt!) Und auch das Gefühl, dass das Thema demnächst auch körperlich durch ist ‐ äh, irgendwie doch schwierig. Und die Angst, die Lust auf Sex zu verlieren. Ups.

Fahrt wieder aufwärts: ich sehe viel mehr und nehme viel mehr wahr. Bei mir. Ich verstehe plötzlich emotionale Zusammenhänge, mir fallen beknackte Muster auf. Ich kann Gefühle besser zulassen. Alle Gefühle. Auch Angst. Aber dazu demnächst mehr ;).

Und mein Fazit? Mich kurz erschrecken, weil ich auf Fotos meist älter aussehe als ich mich fühle ‐ geschenkt. Das ist der Moment, in dem ich mich freue, meiner Mutter aus dem Gesicht geschnitten zu sein. Und hoffentlich mit über 70 auch noch so auszusehen wie sie jetzt. Zu spüren, dass der Körper nicht mehr 20 ist und auch etwas anderes braucht. Aber trotzdem super funktioniert. Die unglaubliche Freiheit, dass ich nicht mehr alles machen, können, beherrschen, akzeptieren muss (musste ich noch nie, hab ich aber jetzt erst kapiert). Und so schließt sich der Kreis zum Zitat… ◁