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Schluss mit der Selbstoptimierung.

von Silke Barthel am 02.05.2019

Ich bin selbstoptimierungsmüde…

Mich haben mal wieder zwei Alltagssituationen zum Nachdenken gebracht. Zum einen eine Unterhaltung mit zwei Kolleginnen über die Nasendusche. Eine hat gerade damit angefangen, die andere kann sich das eigentlich überhaupt nicht vorstellen, aber ihre Ärztin hat es ihr zumindest in der Pollenzeit geraten. Yep, genau. Hilft wirklich.

Genuss statt Optimierung

Die andere Situation war eine Unterhaltung mit (zugegeben jüngeren :D) Yogaübenden, die gerade ehrgeizig am Projekt „Handstand“ arbeiten. Und ich hab sehr allergisch mit dem Satz: „Mal ehrlich, ich habe in meinem ganzen Leben noch keine Situation erlebt, in der nur noch ein Handstand hätte helfen können.“ reagiert. Und verständnislose bis entsetzte Blicke geerntet. Vermutlich auch wegen meiner sehr direkten Art, aber auch wegen des Themas.

Äh, was haben Handstand und Nasendusche gemeinsam??

Sie haben in mir getriggert, darüber nachzudenken, was ich eigentlich so alles tue, um noch besser und noch besser und wirklich noch besser zu leben. Oder zu sein? Oder von anderen bestätigt bekommen? Und genau das hat mich nachdenklich gemacht. Denn ich habe irgendwie vollkommen aus dem Blick verloren, was ich alles schon tue, damit es mir besser geht und sehe stattdessen nur, was ich noch tun müsste.

Und mich gefragt, warum ich denke, dass ich es tun müsste. Oder eben auch nicht und einfach zu akzeptieren, dass ich genug tue und genug bin. Versteh mich bitte nicht falsch, das hier ist kein Plädoyer für den Schweinehund, zu übernehmen. Aber es ist ein Plädoyer, das Ego und falschen Ehrgeiz im Zaum zu halten.

Und jetzt zum Zusammenhang: die Nasendusche ist für mich das Symbol für all das, was ich schon tue. Sei es gesunde Ernährung, radeln, Yoga natürlich… die Liste würde tatsächlich ziemlich lang werden, aber wie die meisten von uns klingt in mir der Glaubenssatz, dass man sich doch bitte nicht zu sehr selbst auf die Schulter klopfen möge und schön bescheiden bleiben solle. Daher erstelle doch einfach für dich deine eigene Liste mit den Dingen, die du schon richtig gut machst. Ich bin sicher, du wirst staunen, wie viel auf deiner Liste steht.

Der Handstand (wahlweise zu ersetzen durch Spagat oder Brücke) ist für mich das Symbol, falsch Yoga zu üben. Anfang 2018 habe ich einen Handstandworkshop besucht, weil ich endlich Handstand können wollte. Na, findest du den Fehler im Satz? Richtig, beim Yoga geht es nicht darum, eine bestimmte Position zu erreichen, sondern sie zu üben und zu beobachten, was geschieht. Oh ja, das mit dem Beobachten habe ich gemacht. Und festgestellt: ich habe schlicht Angst, auf die Nase zu fallen und vertraue meiner eigenen Kraft nicht. Vielleicht beides berechtigt. Aber wiederum: das sind wohl die Punkte, an denen es sich zu üben lohnt. Und nicht, in die Form eines Handstandes zu kommen. Am besten, um damit tolle Poser—Fotos zu schießen. Auch davon kann ich mich nicht frei machen.

Ich hatte mir Anfang des Jahres vorgenommen, gelassener mit mir zu sein und auch noch ein paar andere Ziele gesetzt wie „weiter lernen“, „öfter Freunde treffen“, „gesund bleiben“ ‐ diese auch konkretisiert.

Und habe in meinem ganzen Gewusel von „da geht noch was“ vergessen, hinzuschauen, was alles schon echt genau so läuft wie ich mir das wünsche. Und ich vielleicht gar nicht mehr tun muss. Sondern tatsächlich gelassener werden könnte und genießen. Vergessen, hinzuschauen, was mich wirklich erfüllt und was nur Egobefriedigung ist.

Und deshalb habe ich gestern beschlossen: Schluss mit der Selbstoptimierung ‐ Start mit der Anerkennung, wo ich schon stehe. Ausstieg aus dem Spiel „Wenn ich noch … mache, wird alles gut.“ („dieses Retreat besuche“, „diese Fortbildung mache“, „meine Morgenroutine optimiere“, „keinen Alkohol mehr trinke“, „kein Plastik mehr kaufe“, „diese Saftkur mache“, „jeden Tag Liegestütze übe“… dir fällt schon was ein ;)).

Und nein, das ist nicht die Entschuldigung, mich achselzuckend daneben zu benehmen, alles schleifen zu lassen und schulterzuckend zu sagen „so bin ich halt.“.

Aber zu sagen: „Ich bin genug und gebe mein Bestes. Jetzt schon.“

Für meine beiden Beispiele: Nasendusche am Morgen reicht. Ich muss nicht auch noch Öl ziehen, mich mit dem Luffaschwamm abreiben und was weiß ich noch. Handstand? Ich starte erst einmal damit, einfache Armbalancen zu üben und eine Planke länger zu halten. Armbalancen gegen die Angst, Planke für die Kraft. Und vielleicht kommt am Ende ein Handstand raus. Vielleicht auch nicht. Aber das ist egal. Denn mir fällt wirklich keine Situation im Leben ein, wo nur ein Handstand helfen könnte…

P.S.: Das ist übrigens kein Handstand‐ und Ölzieh‐Bashing ‐ was für dich gut ist und was nur deinem Ego dient, kannst nur du für dich entscheiden. Wenn du Ego und Schweinehund sich mal in der Mitte treffen lässt ;).  ◁